Gift 04

Ich schreibe: So zauberhaft, verträumt und traumhaft schön sie sind, so wehrlos sind sie auch, die Korallenriffe. Ihre Gegenwehr ist unkriegerisch und verzögert. Wir begreifen gar nicht, was wir verlieren, weil wir es nicht kennen. Von einer Million Arten in den Riffen dieser Welt haben wir die meisten noch nicht entdeckt. Dem Menschen ist nur zu helfen, wenn er zu Tode erschreckt wird. Damit er das Ende seiner Welt begreift, muss es den Bildern entsprechen, die er sich seine Kulturgeschichte hindurch davon macht.

In der Hölle sollst du brennen.

Das verstehen wir, das ist uns eingeschrieben, unser Fleisch und unser Blut. Gellende Schreie, Ruß, blutende Wunden. Was wir verstehen und uns mit lüsternem Grauen gefallen lassen, sind Waldbrände, die unsere Behausungen verschlingen und mörderisch Opfer verlangen, Haustiere, Nutztiere, Nachbarn, Bekannte, Familienmitglieder. Das Sterben der Korallen zeigt die immergleiche Tragödie der Empfindsamen: stilles Erbleichen, Auszehrung, langsames Dahinsiechen, skelettös, kalkfarben, stumm. Kein Vorwurf wird laut. Es ist, für unsere Begriffe, unter Wasser zu leise, und zu gedämpft sind die Bewegungen, als dass uns das Leiden glaubhaft wäre. Die Gestalten in den phantastischen Gewändern scheinen durch eine Rokoko-Kulisse zu gleiten, heiter entrückt ihrem eigenen Ende entgegen. Und dabei täuschen wir uns wie immer.
Ein Korallenriff ist ein enormes Giftwaffenarsenal. Die meisten der ätherischen Fabelwesen verfügen über Verteidigungs- sowie Angriffswaffen

Die Koralle selbst kämpft mit Nesselzellen.

Ein Faden klebt am Fremdkörper fest, in den Borsten eindringen und das Gift injizieren. Das Gift aber ist dem Menschen nicht gewaltig genug. Es gehört nicht in unser Vorstellungsarsenal von Hölle und Apokalypse. Der Teufel arbeitet nicht mit Gift. Das Gift ist eine zutiefst menschliche Waffe, eine heimtückische, eine individuelle. Es ist die Waffe des Einzelnen und des Schwachen, die klassische Waffe der Frau, des schönen Geschlechts.