Interglazial

3. Juni

Hinter mir eine Nacht, mehr ohne Schlaf als mit, voller Herzklopfen, Herzrasen, Stolpern. Auch die Gedanken klopften und rasten und stolperten. Als sie müde waren, pflügten sie trotzdem weiter, stur und dumm, eine Furche hin, eine Furche her. Gegen fünf Uhr stand ich auf, trat vor die Tür in die hellen Farben eines frühen Sommermorgens, durchscheinend das Blau des Himmels und die Wolkenfasern, das Gelb des Mauerwerks und das Rot der Ziegel.

Mir kommt eine solche Beschreibung falsch vor. Weil sie aus einer Befindlichkeit hervorgeht, sich einer Befindlichkeit widmet und die Befindlichkeit auf die Natur überträgt. Ein Sommermorgen, der für mich wie neu war, nachdem ich stundenlang die Bilder in meinem Kopf hatte ablaufen sehen. Die Nacht war so finster gewesen, dass ich den Morgen als transzendent empfand. Es war schön. Die Wiedergabe der Schönheit gelingt nicht. Die Darstellung gelangt nicht über meine Betroffenheit hinaus. Ist sie von Grund auf falsch?

Ich will nicht aus meinem Innen berichten, dachte ich und merkte mir das für später, wenn ich hier sitzen würde, jetzt. Von diesem Satz sei auszugehen, dachte ich und wiederholte ihn, um ihn in mein Heft zu schreiben. Ich will nicht aus meinem Innen berichten, schreibe ich, und die Bilder der vergangenen Nacht tauchen auf.

Eine burgartige Anlage, ein Schloss mit dicken Mauern, einer breiten Einfahrt und einem Hof. Das Tor zur Einfahrt stand offen, der Zugang jedem frei. Ein hoher Raum, in dem man unter der gewölbten Decke beisammensaß, zu zweit, allein, in Gruppen, sich unterhielt. Auch ich saß da und sah ihn hereinkommen. Das war eben noch einer, den man nicht kannte. Er setzte sich abseits, sprang aber bald wieder auf. Er warf mit Gläsern und dann zückte er ein Messer. Seither ist der freie Zugang verwehrt. Die kleine Gesellschaft ist verschwunden. Die Anlage soll Schutz vor Eindringlingen bieten, das Tor ist immer geschlossen zu halten. Als die Flügel einmal zu lange offenbleiben, herrscht Aufregung und Angst, man stürzt herbei, das Tor zu schließen. Der Hof ist der innerste Bereich der Burganlage. Er liegt wohl unter freiem Himmel, aber das Weiß sieht nicht nach Himmel aus. Die Helligkeit lässt weder Tageszeit noch Witterung erahnen, der Hof ist unberührt von einer irgendwie gearteten Umwelt, trocken und vollkommen windstill. Ein Aufzug bringt mich nach oben, immer höher, und löst sich dabei auf. Wie ein Vogel bewege ich mich über der Stadt. Alte Gebäude mit gefliesten Fassaden und bröckelndem Stuck, der vergangene Reichtum einer alten Kolonialmacht. Ich sehe auf Balkone und Terrassen. Ein einzelner Sessel hier und mehrere da, oft auch ein Tisch. Verdorrte Pflanzen und blühende, solche mit Früchten. Kräutertöpfe. Auf einem Tisch sind Pfirsiche aufgelegt. Ein Hund langweilt sich. Leere Flaschen, Kinderräder, Wäsche, überall Wäsche. Es treibt mich hinauf, in den Himmel. Ich halte mich am Ast eines Baumes fest, der unwahrscheinlich hoch ist, höher als alle Häuser. Ich muss entscheiden, ob ich noch bleiben will oder loslassen.

24. Juni

Abends sitzen wir im Gastgarten. Dass es in der Nacht hoffentlich ein wenig abkühlen werde, sagt H., und R. schaut zweifelnd. Das glaube sie nicht. In Paris muss es noch schlimmer sein, wirft jemand ein, über 40 Grad. Wir schütteln die Köpfe. R. hebt die rechte Augenbraue, J. stößt Atemluft aus. Ich kann ja bei der Hitze nur gespritzten Wein trinken, sagt M. Also, ich nehme noch ein Achtel pur, sagt H. und ruft, Herr Ober! Das wird jetzt jeden Sommer noch ärger werden, meint am Tischende J. und bestellt ein Bier. Die Kellner tragen enge Hemden und über den Hosen lange schwarze Schürzen. Im Schein der Lampen sieht man ihre Gesichter glänzen. Mit dieser Fluglinie fliege ich nie wieder, sagt R. Das Handgepäck haben wir nachbuchen müssen, und hätten wir nebeneinander sitzen wollen, hätte das noch 50 Euro für jeden gekostet. M. freut sich auf den Urlaub. Zwei Wochen nicht auf die Uhr schauen, sagt er, stell dir das vor. Ich wundere mich noch immer über die Müdigkeit, mit der wir eben K.s Erzählung zugehört haben, über einen Gletscher in Oberösterreich, der noch nicht verschwunden, aber bereits nicht mehr zu retten sei. Je mehr Eis schmilzt, desto weniger Strahlung wird reflektiert. Immer rascher schreiten Schmelze und Erwärmung voran. Auch das könnte man als Rückkoppelungseffekt bezeichnen: So erschöpft sind wir von der Hitze, dass wir uns außerstande fühlen, uns gegen den Untergang zu wehren. Stattdessen, weil es einfach nicht auszuhalten ist, doch die Klimaanlage einschalten und übers Wochenende irgendwohin fahren, wo es erträglicher ist. Was studiert dein Sohn, fragt jemand M. Kriegt er damit einmal einen Job? Es wird gelacht. Beim Bezahlen sind wir uns einig, dass die Qualität des Veltliner den Preis von fast fünf Euro nicht rechtfertigt. Früher an diesem Abend hat H. darüber gesprochen, dass die Winzer auf andere Rebsorten umsteigen würden. Dem Veltliner zum Beispiel werde es zu heiß bei uns. In dieser Nacht bin ich im Traum damit beauftragt, Apfelbäume zu hüten.

29. Juni

Der Himmel heute Morgen ungetrübt blau. Die hohen Kronen der Pinien. Um diese Zeit ist noch ein wenig Kühle in der Luft. Was für ein Glück, hier sein zu dürfen. In meiner Wohnung in Wien wäre ich schon beim Aufstehen niedergedrückt von der Hitze. Gestern auf der Wiese haben wir darüber gesprochen, was es bedeutet, Gast zu sein. Zu wissen, dass man sich so etwas nie leisten könnte. Direkt neben meinem Heft auf der Tischplatte ist im Terrassengeländer zwischen zwei Schnörkeln ein handtellergroßes Netz aufgespannt. Die Fäden sind hauchdünn, das sieht man an dem Lufthauch. Meine grobe Haut spürt ihn nicht, das Netz aber schwingt leise, im Zentrum die stecknadelkopfkleine Spinne. Frohen Mutes bin ich, auf, ans Werk!, möchte ich mir zurufen, die Arme in die Luft werfen und mich voll Zuversicht und Schaffenslust ans Schreiben machen. Mein Wunsch: zupackend schreiben. Meine Sehnsucht: einen richtigen Roman. Mich forttragen lassen vom eigenen Erzählen, gehalten vom Zutrauen in die Sprache. Ein richtiges Thema haben. Über den Klimawandel müsste man schreiben. Recherchieren, Figuren entwerfen. Eine Handlung. Ein Gerüst bauen, Bögen spannen. Und sich dann daran halten. Ich scheitere jedes Mal an einem solchen Unterfangen. Ich scheitere schon beim ersten Dialog, der nur dazu dienen soll, die Protagonisten vorzustellen. Man müsste sich, scheint mir, zunächst einmal damit beschäftigen, wie Menschen überhaupt miteinander sprechen. In welche schriftliche Form das Sprechen übersetzt werden kann. Immer wieder habe ich mich mit dem Gefühl, es zu beherrschen, ans Erzählen gemacht. Jedes Mal bin ich in den Untiefen der Wahrnehmung, bei der Fragwürdigkeit von Wirklichkeit und Bewusstsein, der Wechselwirkung von Innen- und Außenwelt gelandet.

Suspekt ist mir ein Erzählen, das sich der Wirklichkeit gewiss ist. Jedes Sprechen, das darauf vertraut, dass in Wörtern Bezeichnetes und Bezeichnendes zusammengehen. Wenn ich sage, ich will eine Form finden dafür, wie zwei Menschen miteinander sprechen, dann stelle ich mir diesen Text tatsächlich als Gestalt vor, die ich bilde, aus Ackerboden, wenn das der Grund ist, und die dann dasteht, zwischen den Furchen, und irgendwann weggeht. Sich damit auseinanderzusetzen, wie Menschen miteinander sprechen, scheint mir durchaus politisch zu sein, das Buch der Stunde über die Klimakrise wird daraus nicht. Ich verbinde mit Zeitgenossenschaft die Verantwortlichkeit, mich mit meiner Gegenwart zu beschäftigen und einen möglichst klaren Blick darauf zu haben, aber bedeutet das fürs Schreiben, dass ich direkt auf das Geschehen eingehen, kommentieren, die Sprache der Zeit sprechen muss? Was mich zu der Frage führt, ob ich, mit der Hand schreibend, im Besitz eines alten Tastentelefons, ohne Facebook, Twitter, Instagram und Website, zur Zeitgenossenschaft befähigt bin. Ob ein Schreiben mit Bleistift auf Papier, in zahlreiche Hefte, auf einem Jahrhundertwendeschreibtisch, ein zeitgenössisches Schreiben sein kann.

5. Juli

Drei Hefte habe ich. Eines für den Tagbeginn, die frühe Stunde, in der ich zwischen Traumbildern, Vortageseindrücken, dem Licht auf der Hausmauer, dem Himmel und den Gedanken vor dem Erwachen des inneren Zensors auf Trouvaillen warte, Fundstücke, die mit jeder Minute unwahrscheinlicher werden und schon bald unmöglich geworden sind, für den Rest des Tages, bis zum nächsten Morgen. Dann beginnt die richtige Arbeit. In einem zweiten Heft schreibe ich einen Text, der einmal ein Buch werden soll. Würde ich mich um ein Stipendium bewerben, würde ich von ihm als einem Projekt sprechen, etwas, das man umreißen und eingrenzen kann, inhaltlich und zeitlich. Im Förderungsantrag ist die Finanzierung verpflichtend auszufüllen, eine Aufgliederung der Gesamtkosten einschließlich detaillierter Kostenkalkulation beizulegen. In dem Förderungsantrag würde ich auch einen Arbeitstitel angeben, das wäre ein anderer als der, den ich tatsächlich als Titel vorgesehen habe: „Interglazial“. Das dritte Heft ist das Begleitheft: Notizen, Ideen für später, Reflexionen, Erklärungen, Zusammenhänge, die ich mir durch Verschriftlichung vor Augen führen muss. Auf meinem Schreibtisch gibt es außerdem eine Ecke mit Papierstücken, die ich irgendwo abgerissen habe, darauf Buchtitel, Lektürehinweise, Zitate, Internetseiten.

Diese scheinbar so klare Trennung war immer schon schwierig. Einerseits aus praktischen Gründen. So gibt es zusätzlich ein kleines Notizheft, das in alle meine Taschen passt und das ich immer mit mir führe. Darin kommt alles zusammen, Einträge für sämtliche Hefte, außerdem Telefonnummern, Einkaufslisten, Adressen, Termine. Auch kommt mir zuweilen in der ersten Morgenstunde etwas unter, an das ich anknüpfe und das dann zu einem Flicken wird für den Text, der ein Buch werden soll. Überlegungen im Begleitheft können ausufern, und überhaupt fällt es oft leichter, woanders als im Textheft zu schreiben, etwas auszuprobieren, unverbindlich. Also kommen noch lose Blätter hinzu, zwischen die Seiten des Heftes geschoben, manche stehlen sich wieder davon.

Es muss gesagt werden, dass die Trennung nach Heften genau genommen gar nicht funktioniert. Warum also halte ich an einem System fest, für das Mehrgleisigkeit gar kein Ausdruck ist, das man als verworren bezeichnen könnte? Vielleicht ist die wesentliche Eigenschaft des Systems seine Dysfunktionalität. Die Hefte konsequent zu führen, gelingt mir nicht, ist vielleicht nicht möglich. Sie greifen ständig aufeinander über und arten in immer größeres Chaos aus, und schließlich werden sie in Schreibtischladen und Kästen abgelegt und nie wieder angeschaut. Aber es folgt, unter den anderen, auch immer ein Heft, in dem der Text weiter geschrieben wird. Momentan ist kein Text auszumachen. Ich bin zu richtiger Arbeit nicht imstande.

Die Lesungen, das Reisen, die Rolle der Autorin, das Warten auf Rezensionen und Nominierungen und Verkaufszahlen, das Warten der Umgebung auf diese Dinge und mein Bemühen um Gleichgültigkeit ihnen gegenüber, all das lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Solche Umstände lassen kein Schreiben zu. Das ständige Auftreten als Autorin lässt mir selbst zunehmend unglaubwürdig erscheinen, dass ich Schriftstellerin sein soll, das heißt, dass ich schreibe. Die einzige Tätigkeitsbezeichnung, die ich ohne inneren Widerstand gelten lasse: ich schreibe. Das bedeutet: Versenkung, Alleinsein, viel Schweigen.

Als Autorin bin ich ausgesetzt. Ich weiß die Aufmerksamkeit zu schätzen, das Selbstverständnis als Schriftstellerin ist ohne Bestätigung von außen ein anderes, das Leben schwieriger. Wenn ich als Autorin auftrete, kann ich mich nicht versenken. Ich muss mich darauf konzentrieren, was ich zu tun habe, und dazu gehört, mich beständig zu äußern. Ich rede über meine Bücher und das Schreiben. Was ich sage, habe ich einmal so gemeint, daran kann ich mich erinnern, aber worauf es sich bezieht, ist mir abhandengekommen. Die Wiederholung lässt es immer schaler werden.

Da ich unter diesen Umständen nicht schreiben kann, wage ich ein Experiment. Einen Essai: Es gibt nur noch ein Heft. In dieses Heft schreibe ich von früh bis spät, wann immer ich schreibe und wo auch immer. Es liegt auf dem Schreibtisch, und wenn ich das Haus verlasse, nehme ich es mit, es ist das Heft, das mich auf Reisen begleitet. Es ist erstaunlich schnell vollgeschrieben. All das Geschriebene werde ich irgendwann einmal auseinanderklauben müssen: Zugehörig zu „Interglazial“, zugehörig zu einem ungewissen zukünftigen Text, Arbeitsmaterialien zu „Interglazial“. Dieser Eintrag hier könnte aus einem Tagebuch sein: Eine intime Schilderung höchstpersönlicher Not, was ist da bloß in mich gefahren? Vorerst darf ich nicht daran denken, wie dieser Essai ausgehen und wie dieses Heft einmal zu ordnen sein wird. Schon gar nicht darüber, dass sich das als unmöglich erweisen könnte.

9. Juli

So wird das nichts, Laura, sagte X. gestern. Keine Homepage, kein Twitter, kein Insta, nichts. Nicht einmal Facebook, obwohl das für alte Menschen ist. X. schüttelte betrübt den Kopf. Das bedeutet, Laura, sagte sie, du existierst in der Öffentlichkeit nicht. Öffentlichkeit, wie du sie dir vorstellst, sagte sie, gibt es nicht mehr. Das kannst du mir glauben, Laura, ich verstehe etwas von Öffentlichkeitsarbeit. X. hat die Angewohnheit, einen häufig mit Vornamen anzureden, das hat etwas Eindringliches und ist sehr wirksam. Sie stellt das Gefühl her, wir haben ein gemeinsames Ziel und ich bin auf deiner Seite. Aber es geht um Literatur, wandte ich ein, und X. wischte den Einwand mit einer Handbewegung vom Tisch. Effizient, wie sie ist, ging die Bewegung in eine Geste über, mit der sie noch eine Runde Spritzer bestellte. Das ist vollkommen gleichgültig, Laura. Versteh mich nicht falsch, sagte X. Auch ihr gehe es um Literatur, sie wolle erreichen, dass Bücher gelesen würden, zuvor gekauft. Hierfür müsse man das Buch als Produkt betrachten. Aber es sei nicht irgendein Produkt. Beim Buch gehe es um Gefühle, es sei ein Beziehungsprodukt. Public Relations heißt es nicht umsonst auf Englisch, Relations, verstehst du, Laura. Manchmal gibt X. mir auch das Gefühl, schwer von Begriff zu sein. Ein Buch ist etwas sehr Persönliches, sagte X. und ich musste lachen. Deshalb ist es wichtig, dass du als Person greifbar bist, Laura. Selfie am Schreibtisch? X. überhörte die Ironie, sie war von ihrem Einfall begeistert. Du mit deiner Handschreiberei, rief sie, mit dem vielen Papier und der unleserlichen Schrift, das ist perfekt! Handwerk ist wieder modern, sagte X., die Leute sehen gern, wie etwas gemacht wird. Du kannst sie über Insta an deinem Schreibprozess teilhaben lassen. Ich war entsetzt. Du musst es als Beruf betrachten, sagte X. Professionell. Du musst trennen, zwischen privat und öffentlich, zwischen dem Schreiben und dem Geschäft. Dazu gehört das Marketing. Es ist unverantwortlich, das nicht zu tun, sagte X. Du machst dir so viel Arbeit mit einem Buch, und dann lässt du es in die Welt und tust nichts dafür. Das ist unverantwortlich und dumm, sagte X. Unverantwortlich dem Buch gegenüber. Und dann sagte sie noch: Willst du davon leben können oder nicht?

14. Juli

Ich habe zugesagt, einen Beitrag zum Thema „Was kann Literatur?“ zu verfassen. Das Honorar kann ich gut gebrauchen. Vor allem aber treibt mich das Thema in letzter Zeit wieder verstärkt um. Es ist gut, dass diese Frage öffentlich gestellt und ausgeschrieben wird. Im Ausschreibungstext ist von einer Debatte die Rede. Eine solche Öffentlichkeit entspricht mir eher. X. hält mich für einen hoffnungslosen Fall und hat wohl recht.

Sozusagen öffentlich Überlegungen zu Qualität und Potenz oder Potential von Literatur anzustellen ist riskant, weil das Gesagte auf das eigene Geschriebene angewendet werden kann. Man läuft Gefahr, die eigenen Ansprüche an Literatur offenzulegen und beschieden zu bekommen, dass man sie mit dem, was man hervorbringt, nicht einlöst. Wobei eine grundlegende Unterscheidung zu treffen ist zwischen dem, was ich aus meiner Erfahrung als Leserin heraus von Literatur erwarte, und meinem Anspruch an mich als Schriftstellerin, der sich auf das Schreiben richtet, aber eben nicht die Wirkung auf den Leser betreffen kann. Das Risiko, sich öffentlich zu „Produktion, Distribution und Rezeption“ von Literatur zu äußern, betrifft einerseits die Eitelkeit: Ich scheue davor zurück, Einblick in meine Arbeitsweise und meine Absichten zu geben, weil offenbar werden könnte, dass das Ergebnis dem nicht gerecht wird. Nicht zu sprechen von der Peinlichkeit, wie banal und umständlich der Entstehungsprozess sein kann. Am schwersten aber wiegt die Bedingtheit. Ich gebe viel preis, wenn ich über das Schreiben spreche, und dabei weiß ich, dass das Gesagte immer und unvermeidlich relativ ist: In einer anderen Schreibphase, an einem anderen Tag, nach einem guten Gespräch oder aber einer heuchlerischen Preisverleihung, würde ich anders denken und sprechen.

22. August

Nichts geht. Was ich als „Interglazial“ begonnen habe, ist eingefroren, was mir daran jemals interessant erschien, kann ich nicht mehr verstehen. Was ich bereits geschrieben habe, ertrage ich nicht. Die Abfassung des „Was kann Literatur“- Beitrags schiebe ich vor mir her. Halbe Sätze und einzelne Worte. Weltschmerz, Verzweiflung, und nichts als Phrasen und abgegriffene Hülsen. Ich bin besessen von Schlagzeilen, Nachrichten.

Anführer von Amazonas-Volk mutmaßlich von Goldgräbern ermordet Mehr als 1,5 Grad plus über Land Stellenweise neue Trockenheitsrekorde Die Wälder brennen in Sibirien, Grönland, Alaska, Afrika, Kanada, Südfrankreich Schwere Unwetter in Kärnten, Niederösterreich, Burgenland Teils doppelt so viele 30-Grad-Tage wie im Mittel Die Wälder brennen in Indonesien, Bolivien, Kalifornien, Kroatien, Griechenland 24-Jähriger tötet neun Menschen, darunter seine eigene Schwester Seesternbestände ausgelöscht 14-jähriger sticht 13-Jährigem mit Messer in den Bauch Die Wälder brennen in Spanien, Italien, Peru, Brasilien, Deutschland Der wärmste, sonnigste und trockenste Juni der Messgeschichte Juli 2019 war heißester Monat der Messgeschichte August 2019 einer der zehn wärmsten der Messgeschichte 2019 mit großer Wahrscheinlichkeit einer der fünf heißesten Sommer der 253-jährigen Messgeschichte Auch Platz 1 noch möglich.

28. August

Es ist nicht zur Besinnung zu kommen bei dieser Hitze. Es ist kein geordnetes Denken möglich in einer Stadt, in der ein paar Millionen Menschen aus der Haut fahren wollen. Die Last der Hitze nimmt mit jedem Tag zu, der Druck auf der Brust und die Erschöpfung, weil man in der Nacht nicht schlafen kann, stattdessen schwer und schwitzend auf dem Rücken liegt. Wenn ich meine Wohnung verlasse, empfinde ich die mit jedem Tag zunehmende Wut. In der Stadt brütet die Aggression. Jemand bleibt unvermutet stehen, weiß nicht, ob er nach rechts oder nach links soll. Reifen quietschen, schon wird gehupt und gebrüllt, Autotüren knallen. Die Hitze ist bedrohlich. Sie ist eine Zumutung, gegen die man sich nicht wehren kann. Man will in etwas hineinschlagen. Der Druck auf der Brust wird zur Atemnot. Die Menschen sind bedrohlich. Eine Stadt am Rande des Hitzekollaps, scharf am Rande, bis einer es nicht mehr aushält und das Messer zieht. Aber bis dahin ducken sich alle weg, in den Schatten, setzen dunkle Brillen auf oder kneifen die Augen zusammen gegen die strahlende Sonne. Ich setze mich auf mein Fahrrad und flüchte, durch mörderischen Verkehr. Folgetonhörner schrillen, die Blaulichter leuchten schwach im blendend hellen Nachmittag.

Ich flüchte, auf der Suche nach Grün, nach ein wenig Stille und Baumschatten, um einen klaren Gedanken zu fassen, vielleicht einige Worte auf Papier zu bringen. Der Prater mit seiner kastanienbeschatteten Hauptallee wird die Rettung sein, stelle ich mir vor. Die Allee ist eine Baustelle. Kilometerlang arbeiten bei annähernd 40 Grad Männer an einem neuen Belag, gebeugt über glänzenden, schwarzen Asphalt. No human is limited, steht auf einem Plakat. Die Hauptallee wird neu gemacht, damit ein Marathonläufer einen Rekord versuchen kann. Mitarbeiter des Gartenamtes blasen unter Dröhnen den Staub trockener Blätter in die Luft. Weiter draußen finde ich einen Gastgarten, wo ich mein Heft auspacke und ein Holundersoda bestelle. Der Wirt mustert mich und das Heft. Ein großes Holundersoda, wiederholt er. Ich blicke mich um. Einige Tische sind von Pensionisten besetzt. Kein berufstätiger Mensch kann sich an einem Wochentag am frühen Nachmittag in einen Gastgarten im Grünen setzen, um so zu tun, als würde er arbeiten. Das darf ich, denke ich, ja gar niemandem erzählen. Dass jemand wie ich an so einem Nachmittag im Gastgarten sitzt, vor sich ein Holundersoda und ein Schreibheft, das reinste Idyll. Und dann bin ich auch noch unglücklich und leide am Zustand der Welt und unter der Wut der Menschen. Ich leide darunter, dass ich keinen Ausdruck dafür finde.

29. August

Ich habe mein Holundersoda ausgetrunken und mein Heft wieder eingepackt. Kein Wort. Nichts geht. Übel war mir. Ekel vor der Sprache und der Existenzform, die das Schreiben ist. Die Selbstbezogenheit und die Anmaßung, man habe der Welt etwas abzutrotzen und als Sprachauswurf wieder hinzuzufügen. Als ob Literatur in dieser Gegenwart einen Sinn habe. Ich ließ zu, dass meine Panik sich hochschaukelte. Ich zahlte und verließ den Gastgarten, radelte an einer Wiese mit Apfelbäumen entlang. Ich dachte über eine Gärtnerlehre nach, darüber, dass ein Lehrlingsgehalt zum Leben nicht reichen oder für welche Art von Leben es reichen würde. Und plötzlich ging mir auf, wie zu erzählen sei. Das Hin und Her war es eben. Es war keine Entscheidung zu treffen. Das nie letztgültig zu kartographierende Gebiet zwischen den Polen war mäandernd auszuloten, immer wieder aufs Neue scheiternd. Womit ich mich gequält hatte, fügte sich, zur Idee einer Form vorerst, und ich setzte mich in die Wiese und schrieb, was möglich war. Als ich wieder auf dem Rad saß und zum Schreibtisch fuhr, für die Ausarbeitung der Form, war das einer der Glücksmomente: größte Ruhe und höchste Konzentration. Man weiß, was zu tun ist und wie es gelingen kann.

Das Eigentliche ist die Durchlässigkeit. Worum es geht: Sich das Nachlassen der Aufmerksamkeit nicht zu erlauben. Sich die Versprachlichung und Verschriftlichung aufzuerlegen und die Ungewissheit dieses Tuns zu ertragen. Das Bedürfnis, über das Schreiben zu sprechen, und dass ich jede Aussage noch in dem Moment, in dem ich sie tätige, zurücknehmen will. Sich aussetzen. Auch der Peinlichkeit. Die eigene Unzuverlässigkeit hinnehmen, das Kippen der Zustände von Tag zu Tag. Belohnt werden mit Momenten von Lebendigkeit. Das Schreiben ist egoistisch auch im Sinne des eigenen Nutzens. An der Selbstbezogenheit ist im Grunde nichts zu ändern, solange ich nicht aufhöre. Ich will nicht aus meinem Innen berichten, und muss möglicherweise genau das tun.

Laura Freudenthaler: Interglazial, erstmals erschienen in: #WasKannLiteratur. Sondernummer der Kolik, herausgegeben im Auftrag von mitSprache von Ursula Ebel, Kristin Jenny, Manfred Müller und Johanna Öttl. Wien 2020.