Ein Raum ist eine Möglichkeit

An schönen Tagen kommt morgens gegen halb neun die Sonne hinter dem Dach des gegenüberliegenden Hauses hervor und scheint direkt auf meinen Schreibtisch. Ich kann auf dem Computerbildschirm nichts mehr erkennen und muss deshalb die Jalousie herunterlassen, um die Sonne sowie die Aussicht auf das Hausdach auszusperren. Das ist so, seit ich vor ein paar Jahren begonnen habe, meine täglichen Notizen in ein Worddokument zu tippen, statt, wie zuvor, in Hefte zu schreiben. Das Schreiben war mir zu dieser Zeit unvertraut, es fremdelte, und ich dachte, wenn ich jeden Tag ein paar Sätze in den Computer tippen würde, könnte sich das ändern. Mehrere Jahre lang musste ich nichts durchstreichen, nichts am Rand der Seite in winzigen Buchstaben dazu- oder eine dünne Zeile zwischen zwei andere hineinkritzeln, nicht mit Pfeilen und Sternchen an den unteren Seitenrand oder auf die Rückseite des Blattes verweisen, und kein Radierdreck trieb sich auf dem Schreibtisch herum.

Ein Worddokument verrät nichts über den Zustand des Schreibenden. Fehler werden automatisch korrigiert, der Verfasser muss es nicht einmal bemerken, so flink hat sich nicth in nicht verwandelt. Ein Worddokument zeigt nicht, was gelöscht oder umgeschrieben wurde, auch keine Untätigkeit in Form von Malereien, Schnecken und Spiralen. Ein Worddokument ist seriös und ordentlich und dementsprechend bilden meine Gedanken sich ein, seriös und ordentlich zu sein, wie kleine Kinder, die wichtigtuerisch erwachsen spielen. Wenn um halb neun die Sonne blendet, fühlen sie sich gestört und wollen doch bitte in Ruhe gelassen werden. Wichtigtuerische Kinder waren mir schon immer unsympathisch. Ich besorge mir ein Schreibbuch.

Am nächsten Morgen entferne ich den Computer vom Tisch und beginne auf der ersten Seite des Buches zu schreiben. Der erste Tag des Schreibbuches ist ein schöner Tag. Gegen halb neun kommt die Sonne hinter dem Hausdach gegenüber hervor. Über das Schreibbuch gebeugt, spüre ich das Morgenlicht auf der Stirn und sehe meine Hand einen Spaziergang durch den leuchtenden Tagbeginn unternehmen. Vor der Schreibhand liegen mehr als hundert weiße Seiten, die wird sie durchwandern, jede Seite, Zeile um Zeile. Sie wird zwischendurch müde werden, einmal auch am Seitenrand Kreise malen und die Kreise sorgfältig ausschraffieren, aber nun geht sie mit der Leichtigkeit der morgendlichen Spaziergängerin über die erste Seite und wechselt bereits auf die zweite. Auf den ersten Seiten meines neuen Schreibbuches stelle ich fest, dass das Papier ein Raum und das Denken darauf eine Begehung ist, ein Vordringen Wort um Wort. Die Schrift verändert sich, wenn das Denken stockt und ich innehalte, und auch, wenn der Bleistift so kurz geworden ist, dass die Finger ihn anders halten müssen. Das Schriftbild zeigt, ob ich an einem Tag verstört bin oder aufgeräumt.

Die Buchstaben richten sich auf, wie eine Spaziergängerin ihre Schritte verlangsamt und den Kopf hebt, um dem Geräusch nachzuhorchen, das in ihre Versunkenheit gedrungen ist. Die Fenster meines Zimmers sind an diesem warmen Vormittag weit geöffnet. Eine leise Melodie nähert sich, wird leiser, ist dann noch näher als zuvor. Ich habe die Hand sinken lassen, nun lege ich den Stift hin und gehe zum Fenster.

Still besonnt liegt die Straße unter mir. Auf blauen Bändern kommt die Melodie in der Frühlingsluft daher. Sie weckt in mir die Erwartung, im nächsten Moment würde ein Zirkus auf Wanderschaft durch meine Gasse ziehen. Zwischen den Zirkuswägen ginge gemächlich ein Elefant, auf seinem Rücken ein feingliedriger Knabe mit ledernen Stiefelchen in gelb und rot. Artisten würden selbstvergessen in den Wagenfenstern lehnen, die mit Blumen geschmückt wären, Pelargonien. Einer der bunten Wägen zöge einen Käfig, darin striche ein glänzend schwarzer Panther an den Stäben entlang. Die Melodie kommt näher und ich beuge mich weiter aus dem Fenster, um den Wanderzirkus zu sehen. Um die Ecke biegt ein Leierkastenmann. Mitten auf der leeren Kreuzung zweier Gassen, die gesäumt sind von geparkten Autos, taucht ein kleiner alter Mann in einem karierten Sakko auf, kurbelt seine Drehorgel und blickt den Tönen nach, an den Hauswänden hinauf. Auf dem kleinen Wagen sitzt neben dem Kasten, dessen Kurbel der alte Mann unablässig dreht, ein Affe. Es ist kein echter Affe, sondern ein mechanischer, der seinen Hut abnimmt und wieder aufsetzt. Aus einem Fenster auf meiner Straßenseite fliegt, von unsichtbarer Hand geworfen, ein weißes Säckchen auf die Gasse, ein zugeknotetes Stofftaschentuch. Der Leierkastenspieler hat es schon gesehen und den Hut gelüpft, hebt das Säckchen auf und legt es in den Korb neben dem Affen. Er kurbelt weiter, lüpft noch viele Male dankend seinen Hut, der Affe tut es ihm gleich. Ich verlasse das Fenster, will ihn nicht ziehen lassen, ohne ihm etwas gegeben zu haben. Ich finde ein Stück Küchenrolle, in das ich einige Münzen lege, ein Gummiband, mit dem ich es umwickle, und laufe zurück zum Fenster. Der Leierkastenspieler kurbelt und blickt an den Hauswänden nach oben, endlich bemerkt er mich. Sein Gesicht ist gerötet und verschwitzt, es ist ein warmer Frühlingstag, fast schon Sommer. Ich werfe mein Säckelchen aus dem vierten Stock, und wider Erwarten landet es neben dem Leierkasten. Der Alte bückt sich, legt es in sein Körbchen, kurbelt immer weiter, lüpft den Hut und grüßt zu mir hoch. Ich winke und rufe: Bitte, gern geschehen!, obgleich er es nicht hören kann. Der Leierkastenmann zieht weiter, und ich rufe leise: Bitte, kommen Sie wieder, bitte, bleiben Sie! Am Ende meiner Gasse biegt er in die nächste. Ich gehe zurück zu meinem Schreibtisch, höre die Melodie noch eine Zeit lang sich entfernen, näher kommen, leiser werden und noch leiser. Es ist eine Schande, denke ich, dass der Leierkastenspieler nicht von einer Horde schreiender und jubelnder Kinder durch die Gassen begleitet wird, und ich verlasse die Wohnung und gehe nach draußen.

Etwas ist mit dem Raum passiert. Es gibt darin keine Nischen, so wie man in einem Worddokument nicht eine beinahe unleserlich kleine Zeile zwischen zwei andere gekritzelt werden kann. Ich bewege mich durch die Stadt, ohne einen Grund für mein Unterwegssein, geselle mich zu einer Gruppe von Menschen, die an einer Haltestelle warten, steige mit ihnen in die Straßenbahn. Der Leierkastenspieler hat mich nach draußen gelockt, und aufmerksam, in Erwartung eines Spiels, betrachte ich meine Gefährten. Es sind lauter Erwachsene. Sie sind schlecht rasiert oder makellos glatt, sie haben Schuppen auf den Schultern, blondiertes Haar, die Farbe deckt das Grau ab oder auch nicht. Sie haben schiefgetretene Absätze, Hosen aus teurem Stoff und elegante Halstücher, sie riechen nach Parfum oder nach ihren Körpern. Sie haben Flecken auf der Pulloverbrust vom Essen und Trinken oder trockenes Ekzem auf den Ohren. Schamlos lassen sie sich mustern, unbemerkt. Jeder von ihnen hält sich selbst die geöffnete Hand vor, darin ein Spiegel. Seinen eigenen Tümpel trägt jeder mit sich herum, eine ganze Welt scheint unter der stumpfen Oberfläche verborgen, willenlos versunken die Betrachter. Ich bin dem Leierkastenspieler auf die Gasse gefolgt, um in einem Rudel von Spielgefährten mitzulaufen, und finde mich unter blicklosen Spiegelwesen, in einem Kindertraum von Unsichtbarkeit. Die Straßenbahn fährt unterirdisch, in den Fensterscheiben die Spiegelungen der Spiegelwesen, manchmal lächelt eines versonnen in seinen Tümpel. Ich kann die Lippe nach oben schieben und meine Zähne blecken, mein Gebiss entblößen in einer Grimasse für die Frau gegenüber, die mich nicht ansieht. Elegant stupst ihr Finger auf die Tümpeloberfläche.

Das Kind, das sich tatsächlich unsichtbar und unbeachtet fände, würde binnen kürzester Zeit zu toben beginnen. Es würde um sich schlagen und die nächste Wade anfallen, um in die Wahrnehmung der anderen zurückzugelangen. Ich bin kein Kind und darf keine fremden Waden anfallen, rein aus Verzweiflung. Meine reine Verzweiflung ist meine Privatangelegenheit, mein persönliches Problem. Ich bewege mich zurück in meine Wohnung, meine Privaträume, die meine Verzweiflung aufnehmen und beinhalten, weil ich monatlich dafür bezahle. Die Privatheit ist mir unerträglich, meine Verzweiflung eine schreckliche Gefährtin. Um jemanden von außen dazu zu holen, schalte ich das Radio an. Ich höre, was man Nachrichten nennt. Man benachrichtigt mich über Schrecken, Tod und Verderben. Für jeden Schrecken und für alle Toten, egal, wie viele es sind, gibt es ein Vokabular und jemanden, der sich auskennt und imstande ist, unter Verwendung von Fachvokabular darüber zu sprechen. Das Vokabular für die Ungeheuerlichkeit weiß jedes Empfinden von Ungeheuerlichkeit zu verhindern. Die Welt muss wohl so sein, wie man über sie spricht.

Ich glaube an die Sprache als Mittel der Erkenntnis und der Verständigung und als einzige Bedingung des Nachdenkens, aber ich werde mit der allmächtigen Sprache mundtot gemacht. Ich sitze in der Begriffsfalle und komme nicht aus. Man hat mich informiert, und ich bin gelähmt. Meine Zunge ist schwer, meine Augen sind kalt, ich taste nach dem Ausschaltknopf. Ich wandere durch die Wohnung, von einem Raum in den nächsten und zurück, und die Angst zieht sich um mich zusammen. Angst ist ein sich verkleinernder Raum. Der Raum verengt sich, bis die Angst sich mit der eigenen Haut deckt. Wer sich ängstigt, hat keinen Ort. Der sich ängstigt, ist nirgends: in seiner Angst.

Anwesenheit ist nur an einem Ort in einem Augenblick möglich, und Raum entsteht im Hingehen und Weggehen. Ich weiß nicht, was mich dort erwartet, und ich weiß bereits nicht mehr, was aus dem Hier wird, an dem ich eben noch war.

Beim Gehen durch mein Viertel geriet ich in eine mir unbekannte Gasse. In der Auslage einer Confiserie war ein Zettel angebracht, darauf hatte jemand geschrieben: Orangen abzugeben. Ich trat ein und sah auf einem silbernen Tablett geschälte Orangen, sorgsam mit durchsichtiger Plastikfolie umwickelt. Sie hätten, erklärte die Dame in der Confiserie, für ein Konfekt Orangenschalen benötigt, und nun wüssten sie nicht, wohin mit all den nackten Orangen. Das war so schön, denn ich liebe Orangen, aber ich hasse das Orangenschälen, dieses Klebrige und den bitteren Geschmack auf den Händen, wenn man doch den süßen Saft von den Fingern schlecken will. Aber auch noch aus einem anderen Grund. Der Anblick der geschälten, mit durchsichtiger Folie geschützten Orangen rührte mich. Ich fragte mich, was mit all den Orangen geschehe, die nur um ihrer Schale willen geschält werden, als wären es Waisenkinder.

Ein Raum ist eine Möglichkeit. Er tut sich auf in dem Moment, da diese gedacht wird. Hingehen und Weggehen. Die Bedingung für einen Ort ist die Anwesenheit. Auf diesem kleinen Fleck stehen meine Füße. Meine Hände vermögen nichts als an der Luft zu sein. Die Haut ist dünn, das Herz pocht bis in die am weitesten entfernten Fingerglieder. Das Kind würde nach einer Elternhand greifen. Jeder Mensch kennt den Schwindel und will sich beschützt fühlen. Umso tiefer die Zeitgenossen in ihre Spiegeltümpel eintauchen, desto dingfester will man sie machen. Zu ihrer eigenen Sicherheit. Daten auf Vorrat speichern. Die Verschlüsselung abschaffen. Chiffrierte Botschaften und unbekannte Aufenthaltsorte sind verdächtig. Ein Verdacht könnte auch eine Ahnung sein und eine Ahnung ein Begreifen. Eine Spur muss nicht die Richtung einer Verfolgung vorgeben. Das Verb zum Ort muss nicht überwachen sein und sollte öfter reflexiv verwendet werden: sich verorten. Ein Ort kann auch Alleinsein bedeuten, und am anwesendsten ist man vielleicht, wenn niemand weiß, wo man ist. Dass ein Mensch sagen kann, er habe nichts zu verbergen, ohne über diesen Mangel in Tränen auszubrechen. Wenn er es täte, könnte er seine Tränen trocknen und losgehen, um etwas zu suchen, das er für sich behalten will. Etwas, das nichts kostet und keinen Dieb anlockt und das seinen Wert durch Horten nicht steigert. Ein Moment der Unsicherheit zum Beispiel, weil er sich in eine Gasse verirrt hat, die er nicht kennt.

Als ich einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, das heißt anwesend, fand ich geschälte Orangen, in dünne Plastikfolie gehüllt und so vor dem Austrocknen geschützt. Ich trug mit meinen nackten Händen eine in Plastikfolie gehüllte Orange nachhause. Dort angekommen, holte ich einen Teller und setzte mich an den Tisch. Ich schälte die Orange ein zweites Mal, aus der schützenden Folie, und legte sie auf den Teller. Still saß ich vor der Orange, ehe ich begann, sie zu teilen, in zwei Hälften zuerst und dann in Spalten. Dabei riss die Haut an einer Spalte und der Saft der Orange rann an meinen Fingern hinunter. Ich fing den süßen Saft mit der Zunge auf und hörte von der Straße Gelächter und Rufe. Durch das offene Fenster drangen Stimmen zu mir ins Zimmer, ohne jedoch Eindringlinge zu sein. Sie waren der Orangenesserin, im Gegenteil, willkommene Gesellschaft.

Laura Freudenthaler: Ein Raum ist eine Möglichkeit. Dieser Text ist in verschiedenen Fassungen erschienen, zuletzt unter dem Titel: Festrede. 50 Jahre Leselampe. In: SALZ 174, Nahaufnahmen 24. Salzburg, 2018.